Ein Nullsummenspiel ohne Gewinner

Frage: Was hat Industrie 4.0 mit Fußball zu tun?

In der politischen Debatte zur digitalen Agenda sind Fußball-Metaphern gerade in Mode. Im Kontext von Industrie 4.0 wird gerne von der „verlorenen ersten Halbzeit“ gesprochen – heißt: Deutschland (oder Europa – je nach Kontext) habe die Digitalisierung vieler b2c-Märkte verschlafen. Schließlich seien die großen Internetkonzerne alle im Ausland (vor allem in den USA) beheimatet. Nun gelte es, die zweite Halbzeit – Industrie 4.0 – unbedingt zu gewinnen. Wer „verlorene erste Halbzeit“ und „Industrie 4.0“ googelt, bekommt zahlreiche Treffer geliefert.

Metaphern sollen veranschaulichen und zuspitzen – das ist dringend notwendig in der sehr abstrakten Diskussion zur digitalen Agenda (der Autor ist mitschuldig). In der Zuspitzung liegt auch deswegen ein Wert, weil sie fundamentale Denkmuster offen legt. Die „verlorene erste Halbzeit“ impliziert, dass Industrie 4.0 ein Nullsummenspiel ist: einer gewinnt, der andere verliert. Diese Nullsummen-These wird meist verbunden mit dem Blick in die USA. „Wir“ ist also die „deutsche Wirtschaft“ (Definition unbekannt), „die“ sind meist „die USA“ bzw. „amerikanische IT-Unternehmen“ oder – pars pro toto – „GAFA“ (Google, Apple, Facebook, Amazon).

Dass ein solches „Framing“ in der Politik auf Widerhall stößt, ist wenig verwunderlich – schließlich sortiert sich Industrie 4.0 so in der Politik gut eingeübte Denkmuster ein. Auch die Presse nimmt das Bild dankbar auf. Die These der verlorenen Halbzeit hat in den vergangenen Wochen also eine gewisse Karriere gemacht. Erstes „Opfer“ dieses Framings war das Industrial Internet Consortium (IIC). Dessen Executive Director Richard Soley sah sich gezwungen, gleich mehrfach nach Berlin zu reisen und gegen die Perzeption einer direkten Konkurrenzveranstaltung zur deutschen „Industrie 4.0“-Plattform anzuarbeiten.

Antwort: Eigentore!

Das Problem mit der Fußball-Metapher: sie ist in jeder Hinsicht falsch und könnte sich – so viel Kalauer muss sein – als Eigentor herausstellen.

  • Unternehmen agieren nicht entlang nationaler Denkkategorien. Die nationalen Denkschachteln widersprechen der Praxis in den Unternehmen so grundlegend, dass es schwerfällt, hierfür Verständnis auf Manager-Ebene zu finden – arbeiten internationale IT-Hersteller und -Anwender doch oft in jahrzehntealten Partnerschaften eng zusammen.  Anwendung letzterer auf die IT-Wirtschaft ist ein altes Problem der digitalen Debatte – wird aber angesichts des Engagements führender deutscher Unternehmen wie Bosch, Infineon, Siemens und SAP im IIC in der Industrie 4.0-Debatte besonders augenfällig. Sollte man diesen Unternehmen das Engagement im IIC untersagen, weil es eine „deutsche“ Industrie 4.0-Initiative gibt?
    Wohl eher das Gegenteil! Es wäre vielmehr zu überlegen, wie man weitere deutsche Unternehmen zu einem Engagement im IIC bewegen könnte. Ein Abarbeiten am IIC ist schlichtweg Zeitverschwendung.
  • Die Plattformisierung erfordert eine strategische, keine nationale Betrachtung von Industrie 4.0: Für Anwenderunternehmen stellt sich die Frage, welche Art von Plattformen ihrem Geschäftsmodell entgegen kommt. Die zentrale Frage lautet: Baue ich die Plattform selber? Oder sorge ich dafür, dass die Plattform möglichst vorteilhaft zugunsten der „Peripherie“ ausgestaltet ist? Letzteres ist dann der Fall, wenn die Plattform offen gestaltet ist. Was nützt dem IT-Anwender eine von einem „deutschen“ Unternehmen dominierte Plattform, die zu einer deutlichen Verschiebung der Margen von der Peripherie in den Kern zur Folge hätte? Nichts! Hier brauchen wir ein besseres Verständnis der Plattform-Ökonomie, kein nationales Kästchen-Denken.
  • Eine nationale Debatte verkennt die Bedeutung internationaler Märkte für deutsche Unternehmen: Wenn die „erste Halbzeit“ der Digitalisierung etwas gezeigt hat, dann dass Skalierung enorm wichtig ist. Wenn wir etwas aus dem Erfolg des IIC lernen sollten dann das: Wir müssen viel stärker international denken und frühzeitig Unternehmen aus aller Welt aktiv einbinden, wenn wir die Digitalisierung gestalten wollen. Leider stehen die Zeichen in Deutschland gerade eher auf „nationale Clubs“: So sind in der neue Industrie 4.0-Initiative des BMBF in Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft nur „deutsche“ Unternehmen eingeladen worden.

Alternativen: Strategisch über Plattformen nachdenken

Die Plattformisierung der Wirtschaft ist eine große Herausforderung für die deutsche Wirtschaft. Asymmetrische Beziehungen zwischen Plattform-Betreiber und Peripherie können deutschen Anwender-Unternehmen in Zukunft enorm unter Druck setzen. Die Antwort auf diese Herausforderung ist eine strategische Analyse von Plattformen. Das ist insbesondere für solche Unternehmen relevant, die Plattformen nicht alleine aufbauen wollen. Hier geht es darum, Technologiepartner zu finden, die den Aufbau einer offenen Plattform-Infrastruktur unterstützen können. Dies würde ein Screening der IT-Wirtschaft zur Folge haben, das tatsächlich zu strategischen Allianzen führen kann.

 

 

 

 

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Wir freuen uns über ihren Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *